Europatour, Teil 4 von 6
Mailand, Italien (19. – 21.03.2023)
Freunde der Altfahrzeuge werden sich nun freuen: Nach den drei Städten Lyon, Marseille und Nizza, wo ausschließlich moderne Fahrzeuge verkehren und auch lediglich auf wenigen Linien – wobei im Falle von Lyon und Nizza sogar selbst die Straßenbahnsysteme an sich erst in den 2000er Jahren (Lyon: 2000 und Nizza: 2007) neu aufgestellt wurden, nachdem die Straßenbahnen in diesen Städten bereits 1953 (Nizza) bzw. 1957 (Lyon) durch Busse ersetzt worden waren, handelt es sich beim Straßenbahnnetz in Mailand um eines der traditionsreichsten Straßenbahnnetzen europaweit und mit einer Streckenlänge von 116 Kilometern auch im Vergleich zu anderen Städten in Italien einem sehr ausgedehnten Straßenbahnnetzes, die von 17 Linien bedient werden.
Die Spurbreite beträgt ungewöhnliche 1.445 mm.
Die ältesten Straßenbahnen stammen aus dem Jahre 1927 bis 1930 – und dabei sind sie nicht einmal spezielle Wagen, die auf speziellen „historischen Linien“ o. ä. eingesetzt werden, sondern ganz normale Linienwagen, welche bis heute den Straßenbahnbetrieb in Mailand sogar dominieren. Von ursprünglich 502 Fahrzeugen des Typs Ventotto (mit den Nummern 1501 bis 2002) – sind noch 151 im Plandienst, anzutreffen auf den Linien 1, 5, 10, 19 und 33 – die alle mitten in der Altstadt verkehren und dementsprechend gerade dort dominieren.
Obwohl wir mittlerweile das Jahr 2023 schreiben und dementsprechend die Fahrzeuge 93 bis 96 Jahre alt sind, ist der Typ Ventotto mit 151 Fahrzeugen immer noch der mit der größten Anzahl an Fahrzeugen vertretene Typ und beansprucht unter den 423 aller heute im Liniendienst befindlichen Wagen ganze 35% an Anteil – d.h. mehr als ein Drittel.
Man bedenke dabei, dass diese Fahrzeuge also mittlerweile die Lebenserwartung eines gesunden Menschens längst übertroffen wurden – damals, noch vor dem zweiten Weltkrieg gebaut wurden, als meine mittlerweile längst verstorbenen Urgroßeltern etwa in einem Alter von mir heute (19 Jahre) waren. Selbst die Ältesten hier im Forum, dürften schätzungsweise nicht älter als diese Fahrzeuge sein…
Und dennoch empfand ich diese (für deutsche Verhältnisse eigentlich viel zu alten) Fahrzeugen durch die ebenfalls zahlreichen, historischen Gebäuden doch gar nicht so abwegig oder nicht mehr zeitgemäß – ganz im Gegenteil, sie waren trotz ihrer kurzen Länge von 13 Metern weder zu voll, noch zu leer besetzt und wurden gut genutzt; schließlich fuhren die Linien dafür in einem dichteren Takt. Der Punkt Barrierefreiheit war der Einzige, was diese Fahrzeuge nicht mehr 100% zeitgemäß macht.
Bereits am Anfang der Tour konnte ich am Mittag des 20. März eines dieser ältesten Wagen, 1602, kurz nach dem Verlassen des Bahnhofs Milano Cadorna fotografisch festhalten.

Gehen wir kurz zu einer der neueren Bahnen ein – die „Jumbotram“, ist bereits 50 Jahre jünger als das Fahrzeug im ersten Bild; ausgeliefert wurden diese Fahrzeuge in den Jahren 1976 bis 1978 und sind mit 29 Metern bereits mehr als doppelt so lang. In Deutschland sind vergleichsbare Fahrzeuge aus diesen Jahren sind die ersten M-Wagen (bspw. die M6S in Bochum aus den Jahren 1976/77).

Die gelben Fahrzeuge mochte ich dann aber doch ein wenig mehr. Eigentlich bin ich schon daran interessiert, wie lange sie noch im Liniendienst sind – wenn ich in 60 Jahren mit einem Alter von 79 Jahren noch einmal nach Mailand bin und die Straßenbahnfahrzeuge im Alter von dann mehr als 150 Jahren immer noch im Einsatz sein sollten – wäre ich doch sehr überrascht. Aber hätte vor 60 Jahren im Jahre 1963 die Fotos dieser damals 36 Jahre alten Straßenbahnfahrzeugen in Mailand gemacht, wären sie bis heute noch nicht historisch.
Immer wieder reihten sich sogar zwei dieser Straßenbahnen hintereinander, wenn auf einer Strecke zwei Linien verkehrten, auf denen die historischen Trams fahren (hier 10 und 33) – wie hier unmittelbar vor dem Piazza Gae Aulenti, einem Platz voller moderner Gebäuden, von denen man ein Exemplar auch hier auf dem Bild im Hintergrund sieht.

Der Wagen 2000 ist eine dieser Wagen mit der höchsten Wagennummer – gezählt wurde von 1501 bis zur Nummer 2002.
Auf der anderen Seite des Platzes, am P.za S.Gioachimo, konnte dieser Wagen aufgenommen werden. Die Sonne ging übrigens bereits langsam herunter.

Modern und Alt auf einem Bild im Kontrast.

und einmal Alt und Alt – mit 1852 mit einer Vollwerbung für Morato.

Und noch einmal Neu und Alt, da das Bild von 2000 leider ein wenig verschwommen war – diesmal mit 1787, ebenfalls auf der 10:

Nach einem Abendessen bei einem sehr guten, Asia-Fusion-Küche namens Oriental fusion Milano, dessen Besitzer auch überfreundlich und witzig war und wir am Ende sogar gegenseitig Instagram austauschten, war es mittlerweile ganz dunkel geworden – aber auch in der späten Uhrzeit verkehrten die knapp hundert Jahre alten Fahrzeuge weiterhin.
Wagen 1883, ein weiterer alter Wagen und eines der neueren Niederflurbahnen begegneten sich gegen 21:15 Uhr nahe der Haltestelle Piazza della Repubblica.

Kurze Zeit später reihten sich die Wagen 1611 und eine der Sirietto-Niederflurwagen hintereinander – Letztere sind die modernsten Bahnen in Mailand und wurden zwischen 2003 und 2009 erbaut, von denen 68 Stück auf den Linien 7, 9, 14 und 24 verkehren.

Einmal wollte ich dann auch mal in diese alten Fahrzeuge hinein besteigen. Der Einstieg gelang mir in 1746 – und innen drin fühlte man sich dann in der Zeit doch um ein knappes Jahrhundert zurückgesprudelt. Jedenfalls kannte ich sowas bislang nur von historischen Straßenbahnwagen und nicht von aktiv im Liniendienst eingesetzten Fahrzeugen. Gerade die Anfahrts- und Bremsgeräusche haben mir wirklich das Gefühl von Straßenbahn fahren gegeben, die man sonst nur so von alten Büchern, Filmen und Dokumentation auf dem Bildschirm kannte.

Ein schönes Straßenbahnfahrzeug mit einem großen Heck – Panorama, wie man das nun bei den neulich ausgelieferten Fahrzeugtypen auch desöfteren wieder macht.

Am späten Abend noch einmal einen 49er von hinten bei Cordusio – und mit ein wenig Langzeitbelichtung.

und zum Abschluss ebenfalls dort mit 1566 erneut ein altes Gestück, nun eines der Linie 19 zusammen mit der Statua Giuseppe Parini:

Am dritten Aufenthaltstag (21. März) entstanden keine weiteren Bilder mehr, da es nun wieder direkt weiterging… nach Verona, wo wir uns anschließend von 13 bis 18 Uhr etwa fünf Stunden lang aufhielten und die kleine aber hübsche, durch Romeo und Julia bekannte Stadt anschauten. Tatsächlich hat Verona von uns beiden Reisenden die höchste Bewertung hinsichtlich der Ästhetik erhalten – schöne Gebäude etc.
Bedingt durch die kleine Größe hat sich jedoch eine Übernachtung dort nicht gelohnt, sodass es nun am selbigen Abend noch weiter nach Venedig, zur mittlerweile bereits siebten Stadt der Tour (Lyon – Marseille – Nizza – Monaco – Mailand – Verona – Venedig).
Und herzlichen Glückwunsch – Venedig war wieder eine Stadt mit einer Straßenbahn. Diese fährt dort jedoch gerade erstmal seit 13 Jahren, seit dem Jahr 2010 – und das Netz besteht auch lediglich aus zwei Linien, von denen eine im 10- und die andere nur im 20-Minuten-Takt gefahren wird.. wirklich interessant war der Straßenbahnverkehr dort also nicht, dahingegen gab es viel mehr interessantere Sachen auf der Insel Venedig zu sehen, wohin zwar die Straßenbahn auch verkehrt – jedoch direkt vor der hauptsächlichen, touristischen Gebiet hält, da weder Straßenbahnen noch Busse durch die bekannten schmalen Gassen und Brücken Venedigs verkehren konnten.
Dementsprechend entstand hier nur genau ein Foto – zur Erinnerung und zum Beweis, auch einmal die Straßenbahn in Venedig fotografiert zu haben – und zwar dieses vom Wagen 14, welches an der Linie T2 in Mestre zwischen den Haltestellen Giovanacci und Lavelli entstand.

Und da es genau nur dieses eine Foto war, wollte ich nicht dafür ein eigenes Beitrag eröffnen, sodass jetzt dieses Bild an das Beitrag von Mailand mal angehängt wurde. 🙂
Das war Teil 4, und so viel kann ich schonmal verraten, mehr von Italien ist jetzt auch nichts mehr drin – in der Nacht vom 23. auf den 24. März ging es nun stattdessen mit dem Flixbus zehn Stunden lang über Nacht gen Osten… 😉